Die letzten Kletterer am Tegelberg (C/D)


Obwohl uns das Wetter dieses Jahr einen frühzeitigen Start in die Klettersteigsaison 2013 vermieste, spielte es uns letzten Herbst mit tröstenden Temperaturen und Sonne in die Karten. Kurzentschlossen ging es also doch noch mal ans Seil, Mitte November. Drei Klettersteige am Tegelberg (1707 m) waren das Ziel, das wir auch erreiche sollten. Als Allerletzte.

Ein Jahr kann manchmal ziemlich lang sein. Die Klettersteigsaison hingegen ist jedoch wie immer viel zu kurz. Frühestens im April kann man in den Alpen die ersten talnahen Klettersteige begehen. Die meisten höherliegenden Steige sind zu der Zeit noch unter einer dicken Schneedecke begraben. Erst ab Mitte Juni oder Juli  werden Hochgebirgs-Klettersteigtouren realistisch. Und dann bleibt auch schon nicht mehr allzu viel Zeit, bevor im September wieder der erste Schnee fällt.

Guten Morgähn

Der Wecker klingelte. Wie immer recht früh, doch heute sogar noch ein wenig zeitiger. Wir hatten uns spontan dazu entschieden, das gute Wetter noch einmal zu nutzen. Eine lange winterliche Zwangspause stand uns bevor und so passte es gut ins Konzept, dass die Vorhersage am Vorabend strahlend blauen Himmel und milde Temperaturen orakelte. Mit drei talnahen Klettersteigen ganz in der Nähe war das Tagesziel schnell beschlossene Sache und noch vor Anbruch der Dämmerung machten wir uns auf nach Schwangau am Forggensee. Dank eines flexiblen Arbeitszeitenmodells musste ich mir dafür nicht einmal freinehmen. Gleichzeitig hieß das aber auch: zügig hoch und am Nachmittag ab ins Büro.

Gesagt, getan.

Um halb acht standen wir am Parkplatz der Tegelbergbahn, packten uns dick ein, und marschierten in Richtung Einstieg des Gelbe-Wand-Steigs. Weiter wollten wir über den Tegelbergsteig gehen und im Anschluss den neuen Fingersteig erklimmen. Das Besondere an den dreien ist, dass sie alle auch unabhängig voneinander einzeln begangen, aber auch zusammen als Runde gelaufen werden können. Einstiegsleiter zum TegelbergsteigEiskalt war es anfangs, doch nach wenigen Höhenmetern fühlte sich meine komplette Wärme-Tourengarderobe doch etwas unterfordert und dankte mir mit saunaartiger Hitze.

So wanderte während des Anstiegs das ein oder andere Kleidungsteil wieder in den Rucksack. Der Gelbe-Wand-Steig ist ein leichter A/B-Steig, der sich durch relativ flachstufiges Gelände seinen Weg nach oben bahnt. Nach einigen leichten Kletterzügen erreichten wir die Einstiegsleiter des Tegelbergsteigs (C/D). Dieser zweite, anspruchsvollere Steig zweigt hier vom Aufstiegsweg ab. Schon der Anfang war klasse: Eine zwanzig Meter lange Eisenleiter führte senkrecht aufwärts und läutete eine aufregende Kletterei über plattiges und steiles Gelände entlang der exponierten Nordhänge des Tegelbergs ein. Bei bestem Wetter gewannen wir so schnell an Höhe und waren begeistert von der abwechslungsreichen Wegführung mit anspruchsvollen Passagen durch tolle Felsformationen. Die Sonne strahlte fast so wie wir und ließ das Allgäu erstrahlen. Über dem Forggensee schwebten lichte Nebelfelder.


Auf zum Fingertanz

Oben am Ausstieg ging es dann ein Stück einen eisigen Weg entlang, bis wir einer Skipiste hangabwärts zum Einstieg des Fingersteigs folgten. An Skibetrieb war aber nicht zu denken, Schnee gab es zwar schon im Oktober, aber seit langem war es zu mild und an Weihnachten erreichten die Temperaturen bekanntlich ja stellenweise sogar über 20 Grad. Der Fahrspaß auf dieser Pampe hätte sich in Grenzen gehalten. Leider Gottes war die Abzweigung zum Einstieg extrem, bzw. eigentlich überhaupt nicht markiert, weshalb wir erst einmal 100 Höhenmeter zu lange der Skipiste folgten. Was ein knackiger und unnötiger Kraftakt dieser Wiederaufstieg war..

Doch den Fingersteig wollten wir uns nicht entgehen lassen und quälten uns wieder hinauf und zum Einstieg an einer 50 Meter hohen, senkrechten Felsnadel. Der neue Weg ist ein kurzer, dafür knackiger D-Steig mit kurzen Überhangpassagen, die einiges an Armkraft erforderten. Nach der schwierigen Einstiegswand folgte eine kurze Rast, bis es durch rutschiges Schrofengelände zum zweiten Abschnitt hinauf ging. Dieser toppte den ersten Teil sogar noch. Nach zwei aufeinanderfolgenden Überhängen traversierten wir luftig um eine stark exponierte Felskante. Der Fotospot schlechthin.


Follow the Yellow Brick Road

Der Abstieg führte uns planmäßig wieder über den Gelbe-Wand-Steig ins Tal. Dieser Steig gleichte in beiden Richtungen aber eher einem anspruchsvolleren Wanderweg mit Geländer und nur ganz wenig Kletterei. Eine kleine wackelige Hängebrücke sollte aber laut Beschreibung noch kommen. Es kam aber anders: Wir begegneten zwei Wanderern die uns bei einem kleinen Pläuschchen erklärten, dass nur wenige Kehren unter uns die Bergwacht gerade dabei sei, die Hängebrücke und auch einige andere kurze Versicherungsstücke in lawinengefährdeten Abschnitten abzubauen. Erste Verunsicherungen wurden aber schnell ausgeräumt.

Alle Passagen waren auch ohne Seil einfach zu begehen und so standen wir kurze Zeit später wieder vor der 20 Meter hohen Einstiegsleiter zum Tegelbergsteig. Doch in der Zwischenzeit wurde bereits eine große Metallplatte vor die unteren Sprossen geschraubt: „Wintersperre“ war deutlich zu lesen. Verdutzt und gleichzeitig sehr glücklich stiegen wir zum Auto ab. Ach, man muss nicht immer Erster werden. Letzter sein hat auch was an sich.

Fazit:

Tolle und anspruchsvolle Halbtagestour auf drei talnahen Klettersteigen. Die Route ist originell und auch optisch ein Traum. Die ein oder andere Stelle in leichtem Kletter- und Gehgelände ist zwar etwas brüchig oder auch rutschig, alle technisch schwierigen Passagen sind aber super und machen großen Spaß. Auch ist mit den drei unabhängigen Steigrouten für jeden Anspruch etwas dabei. Viele Wege führen auf den Gipfel. Empfehlenswert.

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