Klettern am Monte Garzole: die Via Ferrata Rino Pisetta (E)


IMG_0150Die Bergwelt rund um den Gardasee bietet nicht nur Wanderern und Mountainbikern eine riesige Spielwiese, nein auch einige der schönsten Klettersteige befinden sich rund um Italiens größten See. In den letzten Jahren hatten wir es auf mehreren Klettersteigtouren aber geschafft, die Gardaseeberge nahezu abzugrasen. Es verblieb ein einziger weißer Fleck auf unserer Tourenkarte: der legendäre Rino Pisetta an der senkrechten Südwand des Monte Garzole. Und dafür gab es auch einen guten Grund: Respekt. Denn sogar für Eugen Hüsler, den wohl bekanntesten Klettersteigler Europas, ist die 1982 erbaute Via Ferrata „ganz klar das Maß aller Dinge in der Region“. Lange Zeit zählte die steile, extrem ausgesetzte Route sogar zu den schwierigsten Klettersteigen der Ostalpen und noch heute gilt eine Besteigung als wahre Feuertaufe für jeden Klettersteiggeher. Wir waren gespannt.

Direkt nach unserer schweißtreibenden Tour am Kaiser Max-Steig machten wir uns über den Brenner in Richtung Sarche. Erst nach Einbruch der Dunkelheit kamen wir in dem verschlafenen Nest an und schlugen unser Nachtlager am Kletterparkplatz an der Boulehalle auf. Wie schon am Abend zuvor, konnten wir bei unserem Feierabendbierchen schemenhaft die Silhouette der mächtigen Steilwand des Monte Garzole (971 m) erkennen. Zwar im Ganzen niedriger, wirkte der Fels im Vergleich zur Martinswand aber sogar noch etwas bedrohlicher und abweisender. Doch das leichte Unwohlsein ließ ich nur kurz zu.

Schließlich waren wir nicht 300 km nach Italien gefahren, nur um eingeschüchtert von einer nächtlichen Felswand zu fliehen. Hier ging es um Spaß, Herausforderung und natürlich auch ein wenig Ehrgeiz. Bei allem Respekt versteht sich. Noch vor Mitternacht löschten wir das Licht und mummelten uns in die Schlafsäcke um Kraft und Mut für eine knackige Tour zu tanken. Das Gute dabei: Wir parkten direkt am Zustieg und mussten daher nicht ganz so zeitig aufstehen.

Naja, dass es dann doch elf Uhr wurde, bis wir fertig zum Aufbruch waren, war nicht geplant. Aber Herrgott, selbst die beste Elf muss sich erst einmal einspielen. Zumindest waren wir fit, hatten keinen (na gut, kaum) Muskelkater und wussten – im Gegensatz zu vielen anderen herumwuselnden Kletterern – exakt, wie wir zum Einstieg kommen würden. Nicht nur eine Gruppe sahen wir ziellos durch den Wald irren, auf der Suche nach dem richtigen Weg. Zugegeben, dieser war auch wirklich nicht sonderlich gut ausgeschildert, aber wer stur den Wegweisern folgt und nicht die Geduld verliert und links im steilen Waldhang verschwindet, kommt auch irgendwann oben an. Ein steiler Geröllpfad über einen Schutthang brachte uns auf Höhe und nach knapp einer Stunde an den Einstieg.

Am brandneuen Stahlseil schnell in die Höhe

Gleich zu Beginn stand uns die erste Bewährungsprobe bevor: Senkrecht führt die Route dort eine glatte Wand hinauf, quert kurz nach links und schon muss die erste überhängende E-Passage bezwungen werden. In jeglicher Führerliteratur war einhellig zu lesen, dass sofort abzusteigen hat, wer hier schon strauchelt. Wir strauchelten nicht, zum Glück, zogen am neuen Stahlseil durch und ließen den Notabstieg rechts liegen. Anschließend führt der Steig teilweise querend nach links oben und gewährte uns bereits nach kurzer Zeit gigantische Tiefblicke.

Die gesamte Route alterniert übrigens recht schön zwischen leichteren Traversen und Aufschwüngen sowie körperlich und psychisch herausfordernden Stellen. Eine doppelte Wandstufe bringt den Puls dann auf der Hälfte der Streche so richtig in Schwung. Denn dort führen die Versicherungen fast senkrecht die extrem speckigen und daher glatten Felsplatten hinauf, während unter einem der Abgrund gähnt. Für schwindelerregende Gedanken bleibt aber keine Zeit. Zu sehr ist man mit der Suche nach den richtigen Handgriffen und auf die Fußarbeit konzentriert. “Zupacken und durch” lautet hier die Devise.

Via Ferrata Rino Pisetta (E)


Oben Felsen, unten Luft

Nach einiger genüsslicher Blockkletterei und vielen weiteren Höhenmetern näherten wir uns dem eigentlichen Highlight der Tour, einer knapp 30 m hohen Plattenpassage, die senkrecht und noch deutlich ausgesetzter als die vorherigen über dem Abgrund nach oben führt. Im Nachhinein ging die Passage aber recht gut, vielleicht war sogar der erste Schritt der schwierigste.

Hinter einer kurzen Querung galt es direkt in die senkrechte Wand einzusteigen, unter den Füßen nichts als mehrere hundert Meter Luft. Die folgenden beiden kurzen Überhänge meisterten wir dann relativ problemlos und erfreuten uns 30 m weiter oben an der herrlichen Aussicht, die uns der italienische Himmel trotz immer stärker zuziehender Wolken gewährte.

Die letzten Höhenmeter bis zum Gipfel sind technisch dann nicht mehr so fordernd, bieten aber dank der tollen Routenführung noch einige schöne Züge, wobei sogar eine schonungslos Fettpolster aufdeckende Felsspalte durchstiegen werden muss. Wohl dem, der hier seine kläglichen Vorwärtsbewegungen auf einen zu breiten Rucksack schieben kann…

Etwas schmäler erreichten wir oberhalb der Nische das Wandbuch und konnten uns ein wenig Eigenwerbung nicht verkneifen. Ach, halb so schlimm. Der Mensch liest soviel Blödsinn, das verkraften die nachsteigenden Kletterer schon. Zügig ging es an den letzten Aufschwung und schon stiefelten wir kurvig in Richtung Gipfelgrat, der leicht, aber versichert, zum Ausstieg am höchsten Punkt des Monte Garzole führt. Nach etwas über dreieinhalb Stunden hatten wir es geschafft: Unser zweiter E-Steig an zwei Tage lag hinter, bzw. unter uns. Wir nahmen Platz, vesperten ausgiebig, genossen die Ruhe und grinsten. Wieder ein unvergessliches Erlebnis mehr!


Fazit:

Via Ferrata Rino Pisetta (E)Der Rino Pisetta ist ein wunderschöner Steig, der allerdings erfahrenen Kletterern vorbehalten sein sollte. Erst vor wenigen Jahren wurde er komplett saniert, erhielt dabei ein nagelneues Stahlseil und wurde durch einige Trittbügel an brenzligen Stellen etwas entschärft. Doch noch immer zählt er mit zu den anspruchsvollsten Vie Ferrate in den östlichen Alpen.

Die vielen glatten Stellen, die durchwegs fordernden Aufschwünge und nicht zuletzt die extreme Ausgesetztheit machen die Route zu einer echten Bewährungsprobe. Im direkten Vergleich zum Kaiser Max-Klettersteig jedoch fällt auf, dass die Tritte am Pisetta wesentlich fairer gesetzt sind und man immer mehrere Lösungen vorfindet um die knackigsten Passagen zu überwinden.

Bergerfahrung, Technik, Kraft und Schwindelfreiheit sind die wichtigsten Faktoren, die meines Erachtens für eine genüssliche Besteigung nötig sind. Wer das mitbringt, kann hier traumhafte Klettersteigstunden erleben. Ein Familienausflugsziel ist der Rino Pisetta allerdings auf keinen Fall.

Eine ausführliche Tourenbeschreibung mit gpx-track zum kostenlosen Download gibt es wie immer auch auf meiner interaktiven Klettersteig-Karte.

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5 Gedanken zu „Klettern am Monte Garzole: die Via Ferrata Rino Pisetta (E)

  1. Passt bloß gut auf Euch auf!

  2. Peter sagt:

    Servus,
    das sind ja mal tolle Bilder! Dein Blog überhaupt gefällt mir sehr, hab mich grad total amüsiert und Gedanken geschwebt…

    Grüße, Peter

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